Die Feuerpause zwischen den USA und dem Iran hat keine vier Tage gehalten. Nach einer nächtlichen Angriffswelle im Nahen Osten und überraschend deutlichen Rückgängen der amerikanischen Rohölvorräte springen die Ölbörsen nach oben. Heizöl verteuert sich in Deutschland und der Schweiz spürbar, Österreich tritt vorerst auf der Stelle.
Dabei hatte der Dienstag an den Börsen noch vergleichsweise ruhig geendet. Gasoil, das an der Londoner Terminbörse ICE gehandelte Vorprodukt von Heizöl und Diesel, schloss bei 1.224,50 US-Dollar je Tonne und damit 8,50 US-Dollar unter dem Vortag. Brent und WTI rutschten am Abend auf neue Tagestiefs, nachdem der Handel über weite Strecken impulsarm verlaufen war. Gestützt wurden die Notierungen lediglich von Meldungen aus Libyen, wo Demonstranten den Förderbetrieb an mehreren Ölfeldern beeinträchtigten, sowie aus Russland, das sein Exportverbot für Benzin bis zum Jahresende verlängerte. Die Ankündigung der OPEC+, am Wochenende ihre vorerst letzte Förderanhebung beschließen zu wollen, bewegte die Kurse dagegen kaum.
Über Nacht kippte die Lage dann komplett. Die iranischen Revolutionsgarden griffen nach eigenen Angaben einen US-Luftwaffenstützpunkt sowie ein Kommandozentrum in Jordanien mit ballistischen Raketen an, zudem sollen drei Tanker von Geschossen getroffen und gestoppt worden sein. Das US-Zentralkommando CENTCOM erklärte, einen iranischen Angriff auf amerikanische Truppen abgefangen zu haben, und meldete zugleich gemeinsame Militärschläge mit Saudi-Arabien gegen verbündete Milizen Teherans im Irak. Bemerkenswert ist der Zeitpunkt der Attacke. Beobachtern zufolge griff der Iran erstmals an, ohne zuvor selbst unter Beschuss geraten zu sein, womöglich als Signal zum Besuch des israelischen Premierministers Benjamin Netanjahu im Weißen Haus. Dessen Treffen mit Donald Trump blieb ohne greifbares Ergebnis, anschließend zeigte sich Netanjahu skeptisch, dass es zu einer Einigung mit Teheran kommt.
Für zusätzlichen Auftrieb sorgen die Lagerdaten des American Petroleum Institute. Das API schätzt den Rückgang der US-Rohölbestände auf 3,3 Millionen Barrel, mehr als das Fünffache dessen, was Fachleute erwartet hatten. Die amerikanischen Vorräte liegen ohnehin nahe historischer Tiefstände, und auch am Zentrallager Cushing setzt sich der Abbau fort. Ob sich die Schätzungen bestätigen, zeigt am Nachmittag der offizielle Wochenbericht des Energieministeriums, der zudem verraten dürfte, ob Tropensturm Bertha die Produktion beeinträchtigt hat. Am Abend folgt mit dem Zinsentscheid der US-Notenbank ein weiterer möglicher Impulsgeber.
Analystin Helima Croft von RBC Capital Markets bezweifelt derweil, dass ein diplomatischer Durchbruch im Atomkonflikt bevorsteht. Die anhaltende Bedrohung durch Raketen, Seeminen und Drohnen werde einen erheblichen Teil der Schifffahrt weiter von der Region fernhalten, erwartet die Expertin. Tatsächlich passierten nach Daten des Analysehauses Kpler am Dienstag lediglich zwei Frachtschiffe die Straße von Hormus. Einen Vorschlag des Nachbarlandes Oman, die Überwachung der Meerenge künftig hälftig zu teilen, lehnte Teheran ab. Die einlaufende Fahrrinne müsse vollständig unter iranischer Kontrolle stehen, erklärte Vizeaußenminister Kazem Gharibabadi im Staatsfernsehen.
An den Börsen ist die Reaktion deutlich. Gasoil springt am Vormittag auf 1.271,00 US-Dollar je Tonne und damit weit über sein Vortageshoch, Brent verteuert sich auf 87,13 US-Dollar je Barrel, WTI auf 82,05 US-Dollar. Der Euro steht bei 1,14 US-Dollar. Bei den Inlandspreisen kommt der Sprung unmittelbar an. In Deutschland kosten 100 Liter bei einer Abnahme von 3.000 Litern im Schnitt 134,50 Euro, im Tagesverlauf besteht weiteres Aufwärtspotenzial. Im regionalen Vergleich sind die Durchschnittspreise in Stuttgart und München mit rund 126 Euro am niedrigsten, in Schleswig-Holstein nähert sich der Mittelwert dagegen der Marke von 150 Euro. Der Schweizer Landesdurchschnitt verteuert sich auf 145,60 Franken je 100 Liter, der österreichische bleibt mit knapp 160,50 Euro kaum verändert.