Der Krieg am Persischen Golf greift auf das Rote Meer über. Erste Tanker mit saudischem Rohöl drehen ab, seit die Huthi-Miliz eine Seeblockade angekündigt hat, und die Rohölpreise markieren neue Mehrwochenhochs. In den USA trifft heute Abend obendrein Tropensturm Bertha auf die Ölküste. Die Heizölpreise steigen in Deutschland und der Schweiz spürbar, Österreich hält sich stabil.
Schon am Dienstag kletterten Brent und WTI auf Fünfwochenhochs, am Mittwochmorgen legen sie kräftig nach. Ein Barrel der Nordseesorte Brent kostet 92,99 US-Dollar, die amerikanische Sorte WTI 86,16 US-Dollar. Gasöl, der für den europäischen Heizölmarkt entscheidende Terminkontrakt an der Londoner ICE, verteuert sich auf 1.226,75 US-Dollar je Tonne. Der Euro tritt bei 1,14 US-Dollar auf der Stelle. In der Nacht flogen die USA zum elften Mal in Folge Angriffe auf Ziele im Iran, Teheran beschoss im Gegenzug amerikanische Einrichtungen in Bahrain, Kuwait und Jordanien.
Zum beherrschenden Thema wird das Rote Meer. Seit der Blockade der Straße von Hormus wickelt Saudi-Arabien den Großteil seiner Exporte über den Hafen Yanbu und die Meerenge Bab el-Mandeb ab, dort fließt inzwischen fast doppelt so viel Öl wie durch Hormus selbst. Genau diese Route haben die Huthi nun ins Visier genommen und eine Blockade gegen das Königreich ausgerufen. Zwei vollbeladene Tanker auf dem Weg nach China und Indien machten daraufhin kehrt und nahmen Kurs auf den Suezkanal, die Versicherungskosten für Fahrten durch die Region haben sich binnen eines Tages mehr als verdoppelt. Eine von Riad geführte Militärkoalition spricht von Piraterie und will die Schifffahrt absichern, US-Präsident Donald Trump kündigte für den Fall von Huthi-Angriffen ebenfalls eine Reaktion an.
Wie nervös der Markt ist, zeigen die Prognosen. Die US-Bank Goldman Sachs hält im dritten Quartal Brent-Preise von mehr als 120 US-Dollar für denkbar. „Sollte das Rote Meer tatsächlich geschlossen werden, könnte der Ölpreis auf über 100 Dollar steigen", warnt Fondsmanager Jay Hatfield von Infrastructure Capital Management, der ansonsten mit einer Handelsspanne zwischen 80 und 90 US-Dollar rechnet. Druck kommt auch vom Schwarzen Meer, wo nach Drohnenangriffen auf das CPC-Exportterminal die kasachischen Öllieferungen stillstehen.
In den USA spitzt sich parallel die Wetterlage zu. Tropensturm Bertha dürfte am Abend in Louisiana auf Land treffen und zieht ungewöhnlich langsam über die Offshore-Plattformen hinweg, was das Risiko von Schäden durch Überschwemmungen erhöht. Die gestern Abend gemeldeten API-Schätzungen fielen unterdessen uneinheitlich aus, überraschend gestiegenen Rohölvorräten steht ein weiterer Rückgang der Benzinbestände gegenüber. Ob sich das Bild bestätigt, zeigt der offizielle Lagerbericht des US-Energieministeriums am Nachmittag.
Die Heizölpreise im Inland verharren derweil in einer Art Schockstarre. Seit dem kräftigen Sprung zum Wochenstart bewegt sich der deutsche Bundesschnitt kaum noch und liegt heute bei 1,33 Euro je Liter, Österreich hält unverändert bei 1,55 Euro. Lediglich die Schweiz zieht nach, in den meisten Kantonen verteuert sich der Liter um gut zwei Rappen auf im Schnitt 1,41 Franken. Von Entwarnung kann trotzdem keine Rede sein, denn die Rohöl-Rally der vergangenen Tage ist beim Verbraucher noch gar nicht vollständig angekommen, die Prognose deutet für morgen auf spürbare Aufschläge. Das Niveau bleibt das höchste seit rund zwei Monaten, und die Nachfrage hält sich entsprechend in Grenzen.
Der Markt kämpft damit an mehreren Fronten zugleich, vom Persischen Golf über das Rote und das Schwarze Meer bis zum Golf von Mexiko. Von selbst erledigt sich davon nur der Wirbelsturm, der sich bis zum Wochenende abschwächen dürfte. Die übrigen Konflikte schwelen teils seit Monaten, teils seit Jahren und lassen sich kaum über Nacht lösen.