Die Drohung ist wahr geworden. Die Huthi-Miliz hat erstmals Öltanker im Roten Meer beschossen und damit die zweite große Exportroute des Nahen Ostens ins Kriegsgeschehen gezogen. An den Börsen rückt für Rohöl die nächste runde Marke in Sichtweite. Die Heizölpreise klettern heute in Deutschland, Österreich und der Schweiz weiter.
Ein Barrel der Nordseesorte Brent kostet am Donnerstagmorgen 96,59 US-Dollar und hat damit allein in diesem Monat mehr als 30 Prozent zugelegt. Die amerikanische Sorte WTI steht bei 88,50 US-Dollar. Gasöl, der für den europäischen Heizölmarkt entscheidende Terminkontrakt an der Londoner ICE, verteuert sich auf 1.247,25 US-Dollar je Tonne. Der Euro hält sich bei 1,14 US-Dollar.
In der Nacht hat der Konflikt eine neue Stufe erreicht. Die vom Iran unterstützte Huthi-Miliz griff nach eigenen Angaben zwei saudische Öltanker mit Raketen und Drohnen an, weil die Schiffe gegen die verhängte Seeblockade verstoßen hätten. Die britische Seefahrtsbehörde UKMTO bestätigte einen Treffer, an Bord brach Feuer aus, die Besatzung blieb unverletzt. Es sind die ersten Angriffe auf Öltanker in dem Seegebiet seit dem Ende der Huthi-Kampagne im Frühjahr des vergangenen Jahres, und sie treffen genau die Route, über die Saudi-Arabien seit der Hormus-Blockade den Großteil seiner Exporte abwickelt. Laut Schiffsdaten haben seit der Blockade-Ankündigung bereits mindestens neun Tanker ihren Kurs geändert. Analysten sprechen von einer schwerwiegenden Eskalation und beziffern die gefährdeten Liefermengen auf bis zu fünf Millionen Barrel pro Tag.
Diplomatische Auswege sind vorerst versperrt. Die USA flogen in der zwölften Nacht in Folge Angriffe auf Ziele im Iran, US-Präsident Donald Trump drohte mit der Zerstörung iranischer Brücken und Kraftwerke und erklärte, für eine Einigung sei Teheran „noch nicht bereit". Das iranische Außenministerium sieht keine Grundlage für Verhandlungen und wirft Washington vor, das Juni-Abkommen gebrochen zu haben. Für zusätzliche Brisanz sorgt Pakistan, das als enger Verbündeter Riads mit einem Militäreinsatz droht, sollte Saudi-Arabien angegriffen werden. Der Vermittlungsentwurf für eine zehntägige Waffenruhe liegt damit faktisch auf Eis.
Kleine Gegengewichte gibt es dennoch. Die offiziellen US-Lagerdaten zeigten am Mittwoch steigende Bestände in allen drei wichtigen Kategorien und bremsten die Produktpreise zeitweise. Beim Wetter kam Entwarnung, Tropensturm Bertha hat sich stark abgeschwächt und die Ölanlagen am Golf von Mexiko ohne bekannte Schäden passiert. Am Nachmittag entscheidet noch die Europäische Zentralbank über ihre Zinsen, erwartet wird nach der Anhebung im Juni eine Pause.
Im Inland löst sich die Schockstarre der vergangenen Tage. In Deutschland klettert der Bundesschnitt auf 1,34 Euro je Liter und damit auf den höchsten Stand seit Anfang Mai. In Österreich steigt der Landesmittelwert auf 1,57 Euro, am kräftigsten geht es in der Schweiz nach oben, wo Heizöl um gut drei Rappen je Liter auf durchschnittlich 1,46 Franken zulegt. Für morgen deutet die Prognose in Deutschland auf leichte weitere Aufschläge. Die Nachfrage bleibt trotz allem gedämpft, viele Verbraucher scheinen auf eine Beruhigung zu warten.
Ob sie kommt, entscheidet sich am Roten Meer. Bleibt es bei einem einzelnen Zwischenfall, könnte sich die Lage stabilisieren, weitere Attacken dürften die Rohölpreise dagegen über die dreistellige Marke schieben.